Zur Oberstufe an der Freien Waldorfschule Aalen

Flyer Oberstufenkonzept

Am Konzept der Aalener Oberstufe arbeitete das Kollegium in Klausurtagungen seit 2004.

An Waldorfschulen beginnt die Oberstufe mit der 9. Jahrgangsstufe, wenn die meisten Schülerinnen und Schüler die Entwicklungsjahre hinter sich haben. Sie erleben sich anders als zuvor und sie begegnen anderen Menschen und der sie umgebenden Welt auf neue Weise. Auch die Beziehung zwischen Lehrern und Schülern ändert sich. Folglich sollte auch der pädagogische Ansatz sich darauf einstellen. Die Schülerinnen und Schüler werden jetzt nicht mehr als Kinder angesehen, sondern als junge Menschen, die ihren Weg zunehmend selbst bestimmen und selbst finden können. Sie wachsen nicht mehr in die Schule hinein, sondern schrittweise aus der Schule hinaus. Dazu brauchen sie Orientierung und eigene Erfahrungen mit Zielen, die für sie erreichbar sind.

Das Lehrerkollegium der Freien Waldorfschule Aalen hat deshalb ein besonderes Profil für die Oberstufe entwickelt. Es sieht neben dem Unterricht in den im Lehrplan festgeschriebenen oder alternativ wählbaren Unterrichtsfächern eine Abfolge von besonderen schulischen Veranstaltungen vor, durch die praktische Erfahrungen gemacht werden können.

Ab der 9. Jahrgangsstufe wird die Klasse von einem oder zwei Klassenbetreuern geführt, die grundsätzlich Ansprechpartner für alle Belange von Schülern, Eltern, Lehrern und Schule sind. Sie begleiten die Klasse durch die Oberstufe. Der Umfang des von ihnen in der Klasse erteilten Unterrichts ist nicht ausschlaggebend. Sie achten darauf, dass die Schüler ihre Belange zunehmend selbst gestalten und verantworten.

Die Fächer des Hauptunterrichts werden nicht mehr von ein und demselben Lehrer, sondern von Fachlehrern erteilt. Erziehung und Bildung sind eine Einheit, doch liegt in den oberen Klassen die Betonung auf der Erziehung durch die Begegnung mit vertieften fachlichen Fragestellungen, um die Fähigkeit zu einer fundierten Urteilsbildung anzuregen.

Zusätzlich können sich die Schüler der Klassen 9 bis 13 einen Oberstufenlehrer ihres Vertrauens als persönlichen Tutor wählen. Die Tutoren geben Unterstützung bei der Auswertung der Praktika sowie in allen Fällen, in denen sie um Auskunft, Beistand oder Rat gebeten werden.

Wir legen Wert darauf, dass die Oberstufenschüler die Berufswelt von uns begleitet erkunden können. Deshalb gibt es in der 9., 10. und 11. Klasse zusätzlich zu den an Waldorfschulen üblichen Praktika (Landwirtschafts-, Vermessungs- und Sozialpraktikum) jeweils ein zweiwöchiges, dem Alter angepasstes Berufspraktikum. Die Praktika werden von den betreuenden Lehrern gemeinsam mit der Klasse vorbereitet, individuell durchgeführt, gemeinsam nachbesprochen und münden in eine Darstellung durch die Schüler, bei der sie verschiedene Arten und Techniken der Präsentation erproben können. In allen Praktika werden die Schüler vom zuständigen Lehrer besucht, es sei denn, dass der gewünschte Praktikumsplatz zu weit entfernt liegt.

Im Folgenden werden die Besonderheiten der einzelnen Klassenstufen angesprochen.

Zunächst findet am Beginn der 9. Klasse ein individuelles Übergangsgespräch statt. Daran nehmen der  Schüler / die Schülerin und die Eltern / Erziehungsberechtigten, der Klassenbetreuer und ein weiterer Lehrer aus dem Klassenkollegium teil. Dieses Gespräch dient der bewussten, individuellen Aufnahme in die Oberstufe und dem ersten Kennenlernen. Wichtige biografische Tatsachen sollten angesprochen werden.

Unterricht in Lerngruppen gibt es in Deutsch und  Mathematik in den Fachstunden sowie in  Englisch und der zweiten Fremdsprache (Russisch oder Französisch, ab 2013/14 auch Spanisch).

Bei entsprechender pädagogischer Notwendigkeit ist es individuell möglich, statt der 2. Fremdsprache je eine Unterrichtsstunde in Deutsch, Mathematik und Englisch als Vorbereitung auf den Hauptschulabschluss zu haben, andernfalls sind zwei Fremdsprachen verpflichtend.  Vorschlag und Entscheidung liegen beim Oberstufenkollegium.

Der Hauptschulabschluss kann bei entsprechenden Leistungen ab Ende der 9. Klasse erworben werden. In der Regel verlässt der Schüler nach dem Hauptschulabschluss die Schule, um mit einer beruflichen Ausbildung zu beginnen.

Ein erster Höhepunkt ist das zweiwöchige Handwerkspraktikum. Dazu wird ein tabellarischer Lebenslauf und  ein Bewerbungsschreiben fächerübergreifend in Deutsch und EDV erarbeitet. Auch das Vorstellungsgespräch ist Thema. In der Sozialkunde geht es  u.A. um Arbeitswelt, Wirtschaftskunde und Jugendarbeitsschutz. Es folgen zwei Wochen praktische Arbeit in einem selbst gewählten handwerklich ausgerichteten Betrieb. Das Berichtsheft, die gemeinsame Nachbesprechung sowie eine öffentliche Präsentation gehört dazu.

Das Landwirtschaftspraktikum unterliegt anderen Bedingungen: Die Schüler schicken Lebenslauf und Bewerbungsschreiben an die Gastfamilie, bei der sie für drei Wochen aufgenommen werden. Die Beziehung ist dementsprechend persönlich. Die Vermittlung des Praktikumsplatzes sollte daher zwischen allen Beteiligten abgestimmt werden. Ein LWP im Ausland ist bei entsprechenden Sprachkenntnissen möglich. Bei der Suche nach einem geeigneten Platz im Ausland ist die Zusammenarbeit von Eltern und Betreuungslehrer erforderlich. Er muss immer einbezogen werden, u.A. um die Anforderungen der Schule an den Praktikumsplatz und die Durchführung des Praktikums (schulische Veranstaltung!) zu gewährleisten. In die drei Wochen ist eine Ferienwoche einbezogen. Vorbereitung, Berichtsheft, gemeinsame Nachbesprechung und öffentliche Präsentation gehören dazu.

Bisher haben alle 9. Klassen eine kürzere Klassenfahrt unternommen, zweimal war Straßburg, mehrfach Weimar das Ziel. Begleiter sind Klassenbetreuer und Fachlehrer.

In der 10. Klasse sind die Schüler selbständiger, mit den Gepflogenheiten der Oberstufe vertraut und verfügen durch ihre beiden Praktika über Einblicke in zwei traditionelle Wirtschaftszweige.

Auf dieser Grundlage machen sie nun weitere Erfahrungen in ihrem Industriepraktikum: Die Schüler bewerben sich bei einem selbst gewählten Industriebetrieb oder sie bekommen nach Absprache einen Betrieb zugewiesen. Der Betreuungslehrer hält Kontakt mit den Betrieben und bereitet die Schüler auf das Praktikum vor. Es dauert zwei Wochen, Berichtsheft und Präsentation – diesmal auch mit Power Point in Zusammenarbeit mit EDV – gehören dazu. Für viele Schüler hat dieses Praktikum Aufwachfunktion: Sie erkennen, dass schulischer Erfolg die Voraussetzung für ein befriedigendes Berufsleben ist.

Das Vermessungspraktikum im zweiten Halbjahr findet im Rahmen einer Klassenfahrt statt und schließt sich an die Trigonometrie-Epoche an. Bisher fanden unsere Praktika in der Lausitz in Schloss Niederspree bzw. der Hallig Hooge statt. Ziel des Praktikums ist es, die in der Mathematik erworbenen Kenntnisse praktisch anzuwenden und dadurch zu vertiefen. Zudem ist Teamarbeit ebenso erforderlich wie Genauigkeit. Wenn am Abend die Messergebnisse weiter verarbeitet werden, zeigt sich von selbst, ob die Tagesarbeit gut war. Ausflüge in die Umgebung ergänzen das Programm. Bei der anschließenden Präsentation führen die Schüler in den Gebrauch der Geräte, die Berechnungen und das Zeichnen von Karten ein.

In der 10. Klasse gibt es – im Vorgriff auf die Jahresarbeit der 12. Klasse – eine Projektarbeit, deren Bedingungen sich an der fächerübergreifenden Kompetenzprüfung des Realschulabschlusses orientieren. Ziel ist es, ein selbst gewähltes Thema im Team zu bearbeiten. Das Thema soll so gewählt sein, dass es mehrere schulische Fächer berührt und Raum für individuelle Ausarbeitungen lässt. Recherche, Zusammenarbeit und soziale Prozesse, Probleme und deren Lösung, schriftliche Dokumentation sowie Präsentation sind gleichermaßen wichtig. Die Schüler werden dabei von Fachlehrern beraten.

Die Zuordnung zu den Lerngruppen mündet in der 11. Klasse in die Zuordnung zu den Vorbereitungsgruppen für die Abschlüsse in Klasse 12 (Realschulabschluss / Fachhochschulreife-Prüfung und Abitur). Es finden Orientierungsgespräche zwischen den Schülern und ihren Erziehungsberechtigten und den Klassenbetreuern und Fachlehrern statt mit dem Ziel, zu einer einvernehmlichen Ergebnis zu kommen.

Im Handwerklich–künstlerischen Unterricht (HKU) gibt es in der 11. Klasse ab dem 2. Halbjahr eine Wahlmöglichkeit zwischen Hauswirtschaft und Gestaltung. Die Schule möchte den Schülern die Möglichkeit bieten, entweder im sozialen oder im künstlerischen Bereich vertieft in diesem 5-stündigen Unterricht arbeiten zu können. Zum Kennenlernen findet im 1. Halbjahr ein Schnupperkurs statt, ab Januar nimmt jeder Schüler an seinem verpflichtenden Wahlfach teil.

In allen übrigen Fächern findet der Unterricht weiterhin für alle gemeinsam statt.

Das erste Praktikum in der 11. Klasse ist das Neigungspraktikum. Es bietet die Chance, in einem Berufsfeld eigener Wahl zu erproben, inwieweit die bisher entwickelten Neigungen und Interessen Grundlage der zukünftigen beruflichen Tätigkeit sein können. Alle Erfahrungen und Kenntnisse der vorangegangenen Praktika werden jetzt herangezogen, um eigenverantwortlich einen Platz zu bekommen und die zweiwöchige Arbeit zu gestalten. Entsprechend vielfältig können die anschließenden Erfahrungsberichte sein.

Das Sozialpraktikum bildet den Abschluss der Berufspraktika. Es dauert vier Wochen, eine Ferienwoche ist einbezogen. Die Schüler arbeiten in einer sozialen Einrichtung, deren Ausrichtung den Interessen des Schülers entspricht. Sie können in der näheren Umgebung (zu Hause wohnen), an einem entfernten Ort (dort wohnen) oder im Ausland sein (gute Fremdsprachenkenntnis ist erforderlich). Den Schülern soll die Erfahrung ermöglicht werden, dass sie mit 17 Jahren anderen Menschen beistehen und selbst menschliche Beziehungen verantwortlich gestalten können. Nach dem Praktikum findet ein Gesprächsforum statt.

In den Klassen 11 und 12 zeigen die Schüler durch den Waldorfabschluss, bestehend aus Klassenspiel, Kunstfahrt, Jahresarbeit und Abschlüssen in Eurythmie und Sport, dass ihre schulische Entwicklung im Sinne des Lehrplans für die Waldorfschulen zu entsprechenden Ergebnissen gekommen ist. Dies findet gleichzeitig seinen Ausdruck in staatlich anerkannten Abschlussprüfungen, dem Realschulabschluss oder der Fachhochschulreife-Prüfung.

Manche Schüler befinden sich auf dem direkten Weg zum Abitur, sie nehmen wie die anderen an allen Teilen des Waldorfabschlusses teil, für sie folgt aber noch die 13. Klasse zur Vorbereitung auf die Allgemeine Hochschulreife. Die Differenzierung des Unterrichts ist in der 12. Klasse ausgeprägter und umfangreicher, um den besonderen Notwendigkeiten der verschiedenen Abschlüsse gerecht werden zu können. Dennoch gibt es weiterhin gemeinsamen Unterricht. Die 12. Klasse beginnt das Schuljahr mit dem Klassenspiel. In der letzten Woche des Schuljahrs findet die Kunstfahrt statt, nachdem die Schülerinnen und Schüler ihre Jahresarbeit, die jeweils auch Bestandteil der mündlichen Prüfung im Rahmen des staatlich anerkannten Abschlusses ist, vor der Öffentlichkeit gezeigt haben.

Was kommt nach der 12. Klasse? Für viele Schüler, die den Realschulabschluss oder die FHR-Prüfung bestanden haben, ist das Ende der Schulzeit erreicht. Nach der FHR-Prüfung folgt auf jeden Fall das einjährige Anerkennungspraktikum. Erst damit ist die FHR-Prüfung vollständig. Wer eine gute Realschulabschluss-Prüfung gemacht hat, kann auch noch ein Jahr dranhängen, um sich auf die FHR-Prüfung vorzubereiten.

Wer nach einer guten FHR-Prüfung das Abitur anstrebt, kann mit den anderen Abiturienten zusammen die 13. Klasse besuchen - da die Waldorfschulen mit besonderem pädagogischen Profil sind, nehmen sie nicht an G8 teil. Es gilt – ebenso wie für die FHR-Prüfung – eine besondere Prüfungsordnung für Waldorfschulen. Darin ist vorgesehen, dass die Waldorfschulen in den vier schriftlichen Prüfungsfächern am Zentralabitur teilnehmen. Hinzu kommen zwei mündliche Prüfungen, in zwei Fächern gilt die Jahresnote. Das Fächerangebot ist an einer kleinen Schule wie der unseren begrenzt. Verpflichtend sind, wie an öffentlichen Gymnasien, Deutsch, Mathematik und eine Fremdsprache in der schriftlichen Prüfung. Weiterhin muss die zweite Fremdsprache mündlich geprüft werden. Zudem müssen alle Bereiche abgedeckt sein. Wer das Abitur an einer Waldorfschule bestanden hat, erhält die staatlich anerkannte Allgemeine Hochschulreife.

Möglicherweise wirft dieser Überblick über die Klassen der Oberstufe Fragen auf. In diesem Fall wird klar, was man fragen möchte – das dürfen Sie, lieber Leser, gern tun, sei es auf  (allgemeinen) Elternabenden oder im persönlichen Gespräch mit Lehrern der Schule. Ihre Fragen – und auch Ihre Anregungen – sind uns wichtig, denn Schule gestalten ist kein einmaliger Akt, sondern ein Prozess, durch den alle Beteiligten zukunftsfähig(er) werden. Nicht zuletzt darum geht es uns.