Die Mittelstufe

Um das zwölfte Lebensjahr herum erscheint bei den Kindern die Fähigkeit zu einer neuen eigenen Urteilsfindung. Sie beobachten die äußere Welt, nehmen die Wahrnehmungen in sich auf und bilden sich Begriffe dazu. Der Unterricht wird also, didaktisch gesehen, zunehmend versachlicht, wobei die Schüler jedoch noch viel Hilfe und Beistand für den Umgang mit ihrem eigenen erwachenden Seelenleben brauchen; das gilt vor allem ab der Zeit der beginnenden Pubertät.

Ein zweites, mehr methodisches Element der Mittelstufe wird jetzt von großer Bedeutung: Das Üben! Im Deutsch- und im Fremdsprachenunterricht muss die erlernte Grammatik anhand zahlreicher Beispiele erübt und gefestigt werden; dasselbe gilt auch für die Mathematik. Viele Kinder haben ein eigenes Instrument zu spielen begonnen, was regelmäßiges Üben selbstverständlich voraussetzt. Alle Tätigkeiten in den handwerklich-künstlerischen und in den Bewegungsfächern sind letztlich ein einziges Üben.

 

Das fünfte Schuljahr

Wer je in einer Fünften unterrichten durfte, der wird seine Freude nicht vergessen an diesen interessierten, begeisterungsfähigen Kindern, die schon so viel aufnehmen und verstehen können, aber noch „richtig Kind“ sind! Die Kinderstimmen beiderlei Geschlechts erhalten in diesem Alter einen auffällig homogenen Klang. Das antike Griechentum durchzieht als Stimmung das gesamte Schuljahr. So wie damals in einem ganzen Volk die Harmonie von Körper, Seele und Geist angestrebt wurde, so durchzieht die Fünftklässler diese Stimmung für eine relativ kurze Zeit in naturhafter Weise.

Unter den neuen Epochen ist eine der ersten das Fach Geschichte: Von den ältesten Kulturen der Menschheit ist hier die Rede: Die ur-indische und die ur-persische Kultur, Ägypten, das Zweistromland und schließlich das antike Griechenland. Die Sagen der alten Völker und dann die Sagen des klassischen Altertums (Gustav Schwab) bilden den Erzählstoff. Ein Höhepunkt sind jedes Mal die „Olympischen Spiele“ am Ende des Schuljahres, also sportliche Wettkämpfe, die manchmal sogar zusammen mit der fünften Klasse einer benachbarten Waldorfschule ausgetragen werden.

Die Erdkunde-Epoche tritt jetzt an die Stelle der Heimatkunde und macht die Kinder mit dem gesamten Deutschland bekannt. In der Mathematik werden Dreisatz und Dezimalbrüche eingeführt; im Fach Deutsch beschäftigt man sich mit Satzgliedern, mit der indirekten Rede und dem Passiv. Die Fächer Werken und Gartenbau treten zum Handarbeitsunterricht dazu. Viele neue Ausblicke eröffnen sich dadurch. Eurythmie und Musik, aber auch die Fremdsprachen profitieren von dem rhythmisch-musikalischen Strom, der in den Kindern lebt.

 

Das sechste Schuljahr

Kommen die Sechstklässler aus den Sommerferien, so sind sie wohl etwas gewachsen und kräftiger geworden, doch sind es äußerlich noch die Kinder vom Vorjahr, - so will es scheinen. Aber Vorsicht-, das ändert sich rasch! Genervte Schülermütter berichten von ätzenden Diskussionen, die sie neuerdings mit ihren Söhnen und vor allem ihren Töchtern führen müssen… Auch die Lehrer nehmen bald eine deutliche seelische Veränderung wahr: Die zuvor so netten und willigen Kinder werden aufmüpfig und zu wahren Gerechtigkeits-Fanatikern! Schon die kleinste Unstimmigkeit z. B. bei einer Gruppeneinteilung oder gar einer Disziplinarmaßnahme ruft helle Empörung hervor: “Das ist ungerecht…!“

Was ist hier plötzlich los? Das zwölfte Lebensjahr bringt wieder einen Entwicklungsschub: Die Gehirnreife. Die jungen Menschen entdecken den Verstand als eine Möglichkeit zu argumentieren, Gründe vorzubringen, Grundsätze zu hinterfragen. Und das Schönste ist, wenn man Erwachsene „niederargumentieren“ kann bis sie ihre Fassung verlieren und ausrasten! Die jungen Menschen ergreifen ihren erwachenden Verstand wie ein scharfes Schwert und wollen nun mit den Erwachsenen die Klingen kreuzen!

Wehe allen Lehrern und Eltern, die diesen seelischen Umbruch nicht wahrhaben wollen und meinen, mit autoritärem Gehabe etwas ausrichten zu können! Jetzt heißt es, die Hiebe geschickt zu parieren, am besten mit Humor und Gegenfragen: „Du findest das nicht in Ordnung? Was würdest du denn als Lösung vorschlagen?“ Manchmal will von den Kindern auch nur provoziert werden, um zu sehen, wie die betreffende Person reagiert.

Um diese Urteilsfreudigkeit richtig einzubinden, ist der erste naturwissenschaftliche Unterricht ein gutes Mittel: Es kommt die erste Physikepoche. Staunend beobachten die Schüler die in den Experimenten dargebotenen Phänomene aus Optik, Akustik, Mechanik und Wärme- und Elektrizitätslehre. Und nun heißt es, durch eigenes Denken die Naturgesetze daraus abzuleiten! Hier ist jetzt eigenes Urteilsvermögen am richtigen Ort gefragt! Im Deutschunterricht beschäftigt man sich mit dem Konjunktiv; auch da gilt es zu bestimmen: Was ist eine erfüllte Aussage (Indikativ) und wann und warum wird der Konjunktiv (die unerfüllte Aussage, Möglichkeitsform) in einem bestimmten Sachverhalt gewählt? Zum kaufmännischen Rechnen (Prozent- und Zinsrechnung) tritt die euklidische Geometrie hinzu, die aufgrund ihrer Exaktheit und Anschaulichkeit die Schüler stets begeistert! In der Handarbeit werden Tiere genäht: Es gilt eine für ein bestimmtes Tier typische Form zu finden, diese zu nähen, umzustülpen und dann in der richtigen Weise auszustopfen. Klare Vorstellungskräfte und Selbstbeurteilung des Erzeugnisses sind auch hier gefragt: Über die Güte des fertigen Produktes gibt es nichts zu diskutieren, da sieht jeder sofort, ob es stimmt oder nicht. Im Werken ist es mehr und mehr das Material, das die Schüler beim Schnitzen eines Löffels oder eines Holzspielzeuges korrigiert.

In der Musik erhalten besonders die Knabenstimmen nochmals eine ungeahnte Helligkeit und Stärke. Die Stimmen klingen kräftig und metallisch, bevor die ersten Stimmbrüche einsetzen. Gerne werden jetzt aus Mozarts „Zauberflöte“ die Terzette der „drei Knaben“ gesungen, in denen der Held der Handlung wiederholt zu Tugend, Tapferkeit und Selbstbeherrschung aufgerufen wird, - ganz im Sinne der jungen „Gerechtigkeitshüter“! In der Eurythmie erfordern die geometrischen Formverwandlungen und die Formelemente aus der Grammatik eine Menge Aufmerksamkeit und eigenes Denkvermögen. Der Geschichtsunterricht und der Erzählstoff schildern Aufstieg und Niedergang des Römischen Weltreiches, einer Verstandeskultur mit perfekter staatlicher und militärischer Organisation und hoher Ingenieurskunst. Das beeindruckt die Sechstklässler!

Dass dem römischen Staatswesen seine ursprüngliche Spiritualität abhanden kommt und das Streben der Menschen in der Spätantike sich nur noch auf materielle Dinge richtet, entspricht wiederum dem Bewusstsein eines werdenden Jugendlichen, dem seine bisherigen Götter allmählich verdämmern: Der Blick wird aufs Diesseits gerichtet, einerseits auf das Feste, das uns trägt (Gesteinskunde) und andererseits auf den gestirnten Himmel über uns (Astronomie). Aber nicht um Theorien von Planetensystemen geht es dabei, sondern um die Frage: Was sehe ich von der Erde aus über mir? Wie sind die Bewegungen der Gestirne von der Erde aus zu verstehen?

Das religiös-spirituelle Empfinden der Kinder verbirgt sich ab diesem Alter mehr und mehr und ist hinter einer zeitweilig rüpelhaften Fassade nicht zu erkennen. Die Schüler wollen dennoch Gewissheit haben, ob die Dinge der Welt stimmig sind. Wird richtig unterrichtet, dann macht das äußere Schwinden der Göttlichkeit einem neuen Erkennen Platz, welches den geistigen Kern der Dinge von innen her denkend und fühlend zu greifen vermag. Deshalb ist ein guter Unterricht – gerade in diesem Alter - auch immer gleichzeitig Religionsunterricht!

So ist das sechste Schuljahr eine rege, lehrreiche Zeit, bevor die einsetzende Pubertät neue pädagogische Griffe erfordert.

 

Pubertätsalter - Erdenreife

Die Erscheinungen der Pubertät werden in der heutigen Zeit vorwiegend an den körperlichen und seelisch-emotionalen Veränderungen der Jugendlichen festgemacht. Dabei wird besonders die Rolle der Erotik und Sexualität hervorgehoben, und eine daran gut verdienende Industrie bedient längst all die „Trends“ wie Kleidung, Kosmetik, Musik, Medien, etc.

Auf diese Erscheinungen wollen wir hier nicht näher eingehen, sondern auf ein anderes umso wichtigeres Phänomen blicken: Der junge Mensch wird geschlechtsreif, d. h. er kommt in die Lage, durch Zeugung, Schwangerschaft und Geburt seinesgleichen hervorzubringen. Dies ist aber nur der Teil eines noch umfassenderen Zeugungsprozesses: Jetzt können nämlich auch eigene Gedanken hervorgebracht und in die Welt gesetzt werden. Natürlich gab es auch schon vorher eigene Gedanken, diese aber dachten sich im Kindesalter„wie von selbst“. Es erwächst in dem jungen Menschen eine großartige Gewissheit: Meine Gedanken sind meine eigenen Geschöpfe! Und was wird in diesem Alter nicht alles gedacht! Es können hohe, hehre, leuchtende Ideale sein - aber auch gedankliche Abgründe! Die Pubertät ist die Geburt des Astral- oder Seelenleibes, also der Freiwerdung jenes Wesengliedes, das der Träger ist aller Empfindungen, Leidenschaften, Begierden. Jugendliche sind manchmal selbst entsetzt darüber, was ihnen plötzlich an heimlichen, früher nie gekannten Wünschen durch die Seele zieht und in ihren Vorstellungen Platz beansprucht. Noch ist das vierte Wesensglied, das Ich, nicht geboren, d. h. frei geworden und kann daher nicht wirklich regulierend eingreifen. Daher braucht es noch moralische Instanzen von außen. Der junge Mensch braucht seine Eltern, seine Lehrer und die Kultur der ihn umgebenden Mitmenschen, die ihm in dieser Lage Sicherheit geben.

Rudolf Steiner nannte die Geschlechtsreife auch Erdenreife. Die Gedanken der Jugendlichen sollen sich mit Interesse auf die Realitäten um sie herum richten können und nicht nur auf den eigenen Körper!

Welt-Interesse, vermittelt durch fähige Lehrerpersönlichkeiten, das hilft den Pubertierenden am besten durch diese kurze aber schwierige Phase ihrer Biografie. Vor diesem Hintergrund muss man den gesamten Unterricht des siebten und achten Schuljahres sehen.

 

Siebtes und achtes Schuljahr

Die Fächer- und Stoffesfülle dieser beiden Jahre ist enorm, daher sollen nur ein paar Schlaglichter die wichtigsten Entwicklungsschritte beleuchten. Der Geschichtsunterricht setzt bei der beginnenden Neuzeit ein (Zeit der Renaissance und des Humanismus) und sollte am Ende der Achten bei der Gegenwart ankommen. Statt Zahlen und Fakten zu pauken, lernen die Schüler geschichtliche Symptomatologie. Dies bedeutet das Geschichte dann transparent und spannend wird, wenn Fakten aufgezeigt werden, die in ihrem Zusammenwirken eine bestimmte Entwicklung möglich machen, die uns heute mitbetreffen. So wurde zum Beispiel der Beginn eines neuen globalen Weltbildes durch die Entdeckungsfahrten des 15. Jhdts initiiert, und diese wurden erst möglich durch moderne nautische Instrumente (Kompass, Quadrant etc.), durch neue Schiffstechniken und durch eine ganze Reihe bedeutsamer „Zufälle“. Die Jugendlichen, die selber seelisch im Aufbruch sind, werden dieser Art Geschichtserzählung und den darin erscheinenden Kausalitäten interessiert folgen.

Kommt dann der erste Chemie-Unterricht, so fällt dies in einen Entwicklungsabschnitt, in dem sich in der eigenen Körperlichkeit ohnehin vieles umstellt, sowohl hormonell wie auch in der ganzen Leibesstruktur. Durch Beobachtung der im Experiment gezeigten Phänomene beginnt ein tieferes Verstehen der Stoffeswelt. Würden nur Theorien vorgegeben und chemische Vorgänge mittels Formelberechungen erklärt werden, dürfte es den Schülern schwer fallen, unmittelbares Interesse zu entwickeln. Was aber im Experiment beobachtet und dann denkend zur Begriffsbildung gebracht wurde, hat sich der Schüler wirklich zu eigen gemacht. Das Gleiche gilt auch für die Physik, die Biologie und weitere Fächer. In der Mathematik kann man bei der nun einzuführenden Algebra sogar von einer „Chemie der Zahlen“ sprechen: Gleichungen lassen sich lösen, indem man mit Hilfe der bereits bekannten Rechengesetze allgemeine Zahlen (sog. „Platzhalter“) links und rechts des Gleichheitszeichens hinüber- und herüberschafft. Welch ein Freiheitsgefühl, mit so etwas souverän umzugehen zu können und zu erleben, dass es eigentlich gar nicht schwer ist! Wichtig sind auch in diesem Alter Biografien aller Art. Dazu eignet sich fast jedes Unterrichtsfach, nicht nur die Fächer Deutsch und Geschichte.

Im siebten Schuljahr beginnt mit dem Küchenpraktikum eine lange Reihe verschiedener Praktika, die sich bis in die elfte Klasse fortsetzen: Eine Woche lang arbeiten jeweils zwei Schüler in der Schulküche und erleben somit einen professionellen Betrieb, indem sie mit dem Personal in voller Länge mitarbeiten.… Hinterher sind sie meist so müde, dass der eine und andere schon im Bus einschläft… Aber nun wird das Essen mit anderen Augen gesehen. Die eigenen Erlebnisse haben vieles zurechtgerückt!

Im achten Schuljahr folgt das Wald- oder Forstpraktikum: Eine Woche und mehr im Wald arbeiten, in einfacher Unterkunft leben, Essen nach Forstarbeitermanier! Ist der Förster gleichzeitig ein Pädagoge, so kann er die Jugendlichen mit dem Lebensraum Wald, der uns in unserer Zivilisation immer fremder wird, aufs Neue zusammen bringen. Hier geht erst recht die Arbeit „an die Knochen“, noch ganz anders als im Küchenpraktikum. Und darum geht es auch: Die Vierzehnjährigen müssen ihren Leib spüren, das bringt sie in die Realität! Ein weiteres Hauptprojekt des achten Schuljahres stellt die Jahresarbeit dar, bei der die Schüler selbständig recherchieren, sammeln, verarbeiten, formulieren und das Ganze schließlich präsentieren müssen. Für manchen eine Plackerei, aber auch eine wichtige Selbsterfahrung! Diese Jahresarbeit und die Einstudierung eines Theaterspiels (Klassenspiel) macht den Schüler erlebbar, wie man durch eisernen Willen über sich hinauswachsen kann. Das Schuljahr beschließt eine Klassenfahrt. In dem Abschluss der Unter- und Mittelstufenzeit, empfinden die Achtklässler eine stille Befriedigung an allem, was sie bisher geleistet haben. Es ist eine kurze Zeit des Innehaltens, eine Ahnung vom Erwachsen-Werden, auch Neugier auf das Kommende, denn nach den Sommerferien werden sie in der Oberstufe – ein bisschen wie damals in der 1. Klasse – wieder die Jüngsten sein.

 Peter Singer