Zur Rolle des/der Klassenlehrers/lehrerin

Viele Eltern von Lernanfängern freuen sich über die Aussicht, für die Dauer von acht Jahren eine bleibende Lehrkraft für ihr Kind zu haben. Das vermittelt Kontinuität und Sicherheit. Es gibt an den Info-Veranstaltungen zur Einschulung allerdings auch Stimmen wie: „Was ist, wenn das Kind mit dem Lehrer all die Jahre hindurch nicht klar kommt…?“ Diese Frage ist nicht unberechtigt; vielleicht kann der nachstehende Beitrag hier Antworten geben.

Eine Klassenführung über einen solchen Zeitraum hinweg und dann noch innerhalb der Altersspanne von 7 bis 14 Jahren – das stellt an die Persönlichkeit, die diese Aufgabe übernimmt, hohe Anforderungen. Zum einen wird eine beträchtliche Allgemeinbildung vorausgesetzt, denn der Unterricht erreicht in den Klassen 5 bis 8, stofflich gesehen, durchaus Gymnasialniveau. Vor allem aber muss sich die unterrichtende Lehrkraft im Klaren darüber sein, dass die Beziehung, die sich zu den Kindern dieser Klassengemeinschaft ergibt, keine persönliche ist. Freilich ist es Grundvoraussetzung für jeden Pädagogen, Kinder zu mögen; das gilt besonders auch für jene Kinder, die einem durch ihr schwieriges Verhalten zu schaffen machen. Der Lehrerberuf verlangt Selbstlosigkeit. Es sind eben nicht die eigenen Kinder, die der Klassenlehrer unterrichtet, sondern es sind ihm anvertraute Individuen, deren Fähigkeiten  erweckt werden sollen. Die Kinder wiederum lieben ihre Lehrerin oder ihren Lehrer deshalb, weil ihnen durch diesen Menschen „Kunde von der Welt wird“. Diese Liebe zur Welt identifiziert sich zunächst ganz mit der Lehrerpersönlichkeit, die, wenn sie dann auch noch nett und humorvoll ist, anfangs geliebt und verehrt wird. Dieses Verhältnis ändert sich schrittweise im Laufe der Jahre und wird notwendigerweise distanzierter. Kommt dann die Abschlussfeier in der achten Klasse und wird die betreffende Klassenlehrerin bzw. der Klassenlehrer nochmals herzlich bedankt und in allen Ehren verabschiedet, so kann es ein paar Wochen später durchaus passieren, dass die frisch gebackenen Neuntklässler, wenn sie ihrem früheren Klassenlehrer im Schulkorridor begegnen, plötzlich so verunsichert sind, dass sie nicht wissen, wo sie hinschauen sollen… Manche Lehrer mag das ein wenig schmerzen, doch es ist eine logische Folge des oben Geschilderten. Es kann natürlich zu bestimmten Schülern (z. B. über eine AG oder ein anderes Projekt) ein mehr persönliches Verhältnis erhalten bleiben oder sich gar eine Art Freundschaft entwickeln, aber das ist eher selten. Und hier ist zudem Vorsicht geboten, denn man sollte die Schüler auch wieder freigeben.

Deshalb tut eine Lehrkraft ab der sechsten Klasse gut daran, sich immer mehr mit der eigenen Meinung zurückzunehmen, dafür sachliche Fakten und Phänomene sprechen zu lassen und die Schüler dafür ausgiebig zum selbständigen Arbeiten anzuleiten. Denn die Schüler können ihr eigenes Urteilsvermögen nicht ausbilden, wenn der Lehrer seine eigenen Urteile fortwährend „hinpfahlt“, - und sie werden dann zu Recht rebellisch!

Wird dieser allmähliche „Abnabelungsprozess“ in angemessener Weise vollzogen, dann halten sich die unvermeidlichen Auseinandersetzungen in Grenzen. Dazu gehört der permanente Dialog mit den Eltern, die es zuhause mit ihren Sprösslingen ja auch nicht leicht haben. Lehrerinnen und Lehrer sollten sich übrigens darüber im Klaren sein, dass ihre Schüler, gerade um die Pubertätszeit herum, zuhause ordentlich über sie „ablästern“! Für die Eltern ist das nicht ganz einfach. Wie sollen sie sich dazu stellen? Was sollen sie davon glauben? Und Schüler haben ein feines Empfinden dafür, ob sie ihren Eltern die oft übertriebenen Schauergeschichten auftischen können oder nicht. In den Fällen, wo es funktioniert, erweckt es bei Kindern sogar einen gewissen Machtkitzel, wenn man die Erwachsenen so leicht gegeneinander aufbringen kann… Deshalb ist der rege und sachliche Austausch zwischen Schule und Elternhaus umso wichtiger! Denn sollten die Eltern durch Äußerungen ihrer Kinder in wirklich berechtigte Sorgen über gewisse Vorgänge in der Schule geraten, dann müssen diese auch offen angesprochen werden.

Nicht wenige Klassenlehrer geben in ihrer Klasse auch Fachunterricht:

Fremdsprachen, Musik, Turnen, Religion. Das ist in der Unterstufe von Vorteil, da die Kinder die Kontinuität schätzen und sich freuen, wenn nach der großen Pause wieder dieselbe Persönlichkeit vor ihnen steht; das Fach ist ihnen dabei gar nicht so wichtig. Ab der sechsten Klasse tut der Klassenlehrer gut daran, möglichst wenig Unterricht in der eigenen Klasse zu erteilen, am besten nur noch den Hauptunterricht und die Übstunden. Wer klug ist, sagt sich: Ich möchte Abstand schaffen, Raum geben, aber bereit stehen, wenn die Schüler mit ihren Problemen zu mir kommen, denn einzeln haben sie nach wie vor großes Vertrauen und brauchen Rat und Hilfe.

Leider kann es in vereinzelten Fällen geschehen, dass eine Lehrerperson aus Ignoranz oder Selbstbezogenheit diese naturgegebene Entwicklung zu wenig beachtet. Es mag sogar eine übergroße Sympathie zu den Schülern vorherrschen, wodurch man diese nicht genügend frei lässt! Dies alles kann sich in den letzten drei Jahren dann zu heillosen Konflikten auswachsen! Das geht so weit, dass es von Lehrerseite her zu persönlichen Zerwürfnissen mit einzelnen Schülern und meist auch deren Eltern kommt. In einer so verbitterten und spannungsgeladenen Atmosphäre fällt dann das Lernen natürlich schwer. Darum sollte alles getan werden, um solche Situationen zu vermeiden.

Dass es mit einzelnen Schülern all die Jahre über „schwierig“ sein kann, soll nicht ausgeklammert werden. Hier ist ein ganzes Lehrerkollegium durch Geduld, pädagogische Phantasie und ein unablässiges Bemühen besonders gefordert. Die bekannte anthroposophische Kinderärztin Michaela Glöckler äußerte es einmal so: „Wahre Menschenliebe besteht darin, intelligent zu werden für das, was der andere Mensch braucht!“

Peter Singer